Postwachstum und Klassenkonflikt

Miriam Meissner

Kommentar zu Matthias Schmelzer’s Vortrag “Sozial-ökologische Transformationskonflikte und die Bedeutung von Wirtschaftswachstum“, Zentrum Marc Bloch, Berlin, 16 Dezember 2024.

In 2020, inmitten der Coronapandemie, proklamierte der niederländische Historiker Rutger Bregman: Die neoliberale Ära ist vorbei—Was kommt als Nächstes?

Zurzeit, so scheint mir, kommt als nächstes der Faschismus. Oder, wie manche es definieren, der Postfaschismus: Rechtsextreme politische Bewegungen, die den Frust und die Ängste einer breiten Masse aufgreifen, um sie in Hass und Ressentiment umzuwandeln. Wut auf die Bürokraten da oben. Hass auf Geflüchtete. Ärger darüber, dass „wir” – die vermeintlich „echte Bevölkerung“—nicht mehr zählen.

Manche behaupten, es ginge hier vor allem um Wirtschaftsleistung. Steigende Preise. Zu wenig Wachstum. Eine Klimapolitik, die der Industrie schadet. Eine Nation, die im internationalen Vergleich an Macht und Status verliert.

Aber ist Wirtschaftswachstum wirklich das Gegenmittel zum Frust der Massen?

Dagegen spricht, dass rechtsextreme Strömungen auch—und manchmal gerade dort—stark sind, wo die Wirtschaftsleistung—gemessen am Bruttoinlandsprodukt—relativ hoch ist. Die USA, Schweden, die Niederlande, Frankreich, Deutschland, und so weiter.

Eine starke Wirtschaft garantiert derzeit keine zufriedene Gesellschaft.

Wir müssen also tiefer gehen. Und genau das macht die neue Studie von Matthias Schmelzer, Dennis Eversberg, Martin Fritz und Linda von Faber.

Wie wir wissen, ist sozial-ökologischer Wandel ein umstrittenes Thema. Die einen wollen diesen Wandel, unbedingt, und aus guten Gründen. Die anderen fürchten diesen Wandel. Empfinden seine Notwendigkeit als übertrieben. Betrachten solche, die sich für sozial-ökologischen Wandel aussprechen, als woke Eliten. Hier in den Niederlanden gelten diese als die urbanen „Hafermilcheliten“; als die, die sich grün leisten können.

Und selbst unter denen, die Wandel wollen, besteht Uneinigkeit. Die einen wollen vor allem Technologie und „grünes Wachstum“. Business as usual—nur smarter, mit viel Wasserstoff, Lithiumbatterien, und und und. Die anderen wiederum wollen nicht nur eine Techno-Wende, sondern auch eine gesellschaftliche Wende. Gemeinwohl anders denken. Umverteilen. Öffentlicher Luxus und private Genügsamkeit.

Woher kommen diese unterschiedlichen Auffassungen? Was ihre Forschung hier eindrucksvoll zeigt, ist dass es sich eben nicht um zufällige Meinungs- und Interessenunterschiede handelt. Vielmehr decken sich diese Meinungs- und Interessenunterschiede mit Merkmalen wie beispielsweise Einkommen und Bildung, Stadt- versus Landwohnsitz, und vielem mehr. Die Gruppierungen, die sich daraus ergeben, sind vielen von uns instinktiv bekannt.

Zunächst einmal, sind wir als Gesellschaft nicht in zwei Pole gespalten, sondern mehrfach zersplittert. Das ist eine wichtige Einsicht.Darüber hinaus zeigt ihre Studie, dass das, was oft als Differenz in Sachen Werte und Lebensstil dargestellt wird, eben doch nicht nur das ist.

Über Klasse reden wir in Deutschland aber nicht so viel—zumindest noch nicht. Eine Dimension von Klassenkonflikt, die mir dabei ganz besonders fehlt, ist der Konflikt zwischen denen, denen Umwelt- und Klimaschädliche Industrien gehören, und dem Rest der Bevölkerung.

Warum ist mir diese Dimension so wichtig? So wie ich es sehe, haben die, denen Umwelt- und Klimaschädliche Industrien gehören, ein Profitinteresse daran, die sozial-ökologische Wende abzuwenden.

Eine Studie von 2022 zeigt uns zum Beispiel, was passieren würde, wenn eine Klimapolitik, die die Pariser Klimaziele erfüllt, wirksam umgesetzt würde. Investoren – das Haupt davon Privatpersonen in OECD-Ländern—würden ca. 1 Billion Dollar verlieren. Warum? Weil sie in Erdöl und Erdgasgewinnung investiert haben. Das sind Investitionen, die im Falle einer wirksamen Klimapolitik zu gestrandeten Vermögenswerten würden.

Andere Studien schätzen Verluste noch viel höher ein—4 Billionen, 17 Billionen—und es handelt sich hier erstmal nur um den fossilen Brennstoffsektor—nicht etwa um die Autoindustrie, oder Luftfahrt, und andere Industrien, die auf fossile Brennstoffe angewiesen sind, um ihre eigenen Profite zu realisieren.

Und, damit das nicht passiert, versuchen sie, Politik und Gesellschaft zu beeinflussen. Zum einen machen sie das durch Lobbyarbeit und durch Korruption, die mittlerweile gut nachgewiesen sind. Zum anderen machen sie das, indem sie gesellschaftliche Debatten beeinflussen.

Besonders beliebt dabei sind, laut einer Studie von 2020, die „discourses of delay“ – Diskurse des Aufschubs. Es handelt sich hierbei nicht um eine Leugnung des Klimawandels, sondern um Äußerungen—im Fernsehen, in den sozialen Medien, in Tageszeitungen, in Dokumenten zur politischen Beratung—die entweder ein Nichthandeln rechtfertigen, oder aber unzureichende Klimaschutzmaßnahmen vorantreiben.

Typische Diskurse des Aufschubs sind folgende:

  • „Klimaschutz fängt bei jedem einzelnen an. Konsumentinnen, nicht etwa die Politik, müssen Umwelt schützen.“ Oder aber
  • „Es braucht keinen radikalen Wandel. Technologischer Fortschritt wird das Problem schon lösen. Seid mal nicht so pessimistisch.“ Oder aber
  • „Es ist eh schon zu spät.“ Oder aber
  • „Klimawandel wird in China gemacht!“ Oder aber
  • „Klimaschutz ist Elitenthema. Die Durchschnittsbürgerin hat andere Probleme“. Oder wiederum
  • „Wenn wir mit fossilen Brennstoffen aufhören, dann ist es mit dem Wohlstand zu Ende. Ihr müsst euch entscheiden: Entweder Wohlsein oder Klima.“

Ich zähle das so auf, weil ich glaube, dass es uns weitere Einsichten zum sozial-ökologischen Klassenkonflikt gibt. Wie Herr Schmelzer und KollegInnen in ihrem Buch dazu auch schreiben: Sozial-ökologische Mentalitätstypen sind keine Zielgruppen, die „nun mal so sind“, und so bleiben.

Die Klimaschmutzlobby findet es toll, wenn wir uns zur sozial-ökologischen Wende uneinig sind. Wenn die einen Klima als wichtigstes Thema unserer Zeit anerkennen, und die anderen es als „Elitenfetisch“ verschmähen. Wenn Eliten nicht als „Die Reichen“, sondern als „Die Hafermilchtrinkerinnen“ verstanden werden. Solange wir uns streiten, können sie weiter Profite machen.

Die Klimaschmutzlobby findet es ebenso klasse, wenn eine breite Masse immer noch felsenfest glaubt, dass man das Problem ausschließlich technologisch lösen könnte – wenn nicht jetzt dann irgendwann, auch wenn es dann schon zu spät ist.  Ihnen hilft es, wenn die, die sich für einen zeitnahen technologischen und gesellschaftlichen Wandel aussprechen, als radikale „Klimakleber“ belächelt—womöglich gar als Terroristen kriminalisiert—werden.

Handelt es sich hier um Verschwörungstheorie? Nein, denn es ist mittlerweile gut nachgewiesen, dass und wie Unternehmen, Politik und öffentliche Debatten beeinflussen (siehe z.B. hier & hier). Der Yale Soziologe Justin Farrell zum Beispiel hat anhand einer breit angelegten Datenanalyse gezeigt, wie gesellschaftliche Organisationen, die durch Unternehmen (wie ExxonMobil & KochIndustries) gesponsort wurden, wesentlich mehr dazu neigen, polarisierende Diskurse zum Thema Klimawandel voranzutreiben, als solche, die nicht gesponsort werden.

Wenn man solche Einsichten in Betracht zieht, dann ist Klassenkonflikt zum sozial-ökologischen Wandel eben keine Sache, die einfach so ist, sondern eine Sache, die aktiv produziert wurde, und weiterhin produziert wird.

Damit meine ich nicht, dass der sozial-ökologische Wandel nicht auch an und für sich Interessenkonflikte birgt, die verhandelt werden müssen. Keine Frage, solche Interessenkonflikte gibt es. Wo aber genau die Konfliktlinien liegen, ist etwas, dass sich ändern kann, und meines Erachtens ändern muss.

Wie soll das geschehen?

Eine Sache über die wir – SoziologInnen, KulturwissenschaftlerInnen, PolitologInnen—vielleicht noch zu wenig nachdenken, ist wie sich Klassenbewusstsein und Klasseninteressen verändern lassen.

Manche würden sagen, dass ein solches Projekt der politischen Manipulation oder Propaganda gleichkommt, aber das sehe ich anders. So wie ich es sehe, geht es in der Politik immer darum, Klasseninteressen und Klassenkonflikte aktiv zu definieren.

Meine Inspiration für ein solches Denken kommt vom britischen Soziologen und Kulturwissenschaftler Stuart Hall. Der fragte sich in den 80ern, warum die Politik Margret Thatchers selbst unter solchen Britinnen Anklang fand, die von dieser Politik benachteiligt wurden—etwa durch Sparmaßnahmen, oder den Abbau von Arbeiterrechten.

Hall kommt zum Schluss, dass es zwar materiell definierte Klasseinteressen gibt—ArbeiterInnen wollen mehr Einkommen, UnternehmerInnen wollen günstige Arbeitskraft, und so weiter—aber die Geschichte endet hier nicht.

Was Politik macht, ist dass sie Interessen aufgreift und an politische Projekte bindet. So entsteht dann ein Narrativ, eine Ideologie, ein Geflecht von miteinander verknüpften Glaubenssätzen, wie beispielsweise: Wachstum schafft Wohlstand. Sicherheit gleich schwarze Null. Umweltschutz bedeutet Verzicht. Klima ist Elitenthema, und so weiter.

Ich denke, dass das Postwachstumsdenken hier ein wirksames alternatives Narrativ, eine Art Gegenideologie inspirieren kann. Und ich meine Ideologie hier nicht im negativen Sinne. Als Kulturwissenschaftlerin weiß ich, dass wir Menschen ohne sinnhafte Ideengeflechte nicht können.

Wohlstand könnte bedeuten: viel freie Zeit und bedingungsloser Zugang zu Wohnraum, Bildung und Gesundheitswesen. Elite könnte bedeuten: Milliardäre, deren Reichtum so exzessiv ist, dass er umverteilt werden muss. Sicherheit könnte bedeuten: Stärkung von Gemeinschaft und Abwendung einer Klimakatastrophe.

Letztendlich braucht es natürlich nicht nur ein anderes Denken, sondern auch andere Institutionen. Umdenken und umstrukturieren sind miteinander verknüpft. Je mehr wir umdenken, desto mehr sind wir dazu bereit umzustrukturieren, und je mehr wir umstrukturieren, desto weitreichender sind wir dazu in der Lage umzudenken.

Es braucht jedoch jemanden, der dieses Umdenken und Umstrukturieren gezielt in Angriff nimmt, und das haben wir, so glaube ich, noch nicht. Wir haben eine internationale Postwachstumsbewegung, ja. Und wir haben soziale Bewegungen, die sich damit verbünden.

Ich bin davon überzeugt, dass es noch mehr als das braucht. Eine politische Partei zum Beispiel, die aktiv Postwachstumsentwürfe entwickelt, und sie an die Interessen verschiedenster Klassen anbindet. (Die Partei muss sich dabei nicht Postwachstumspartei nennen).

Wichtig dabei ist, dass eine solche Partei eben nicht nur versucht, bestehende Klassementalitäten zu bedienen, sondern dass sie Interessen in Kooperation mit Bürgerinnen neu interpretiert.  Neu interpretieren bedeutet hier nicht „eines Besseren belehren” sondern schauen, wie man die Interessen verschiedener sozialer Gruppierungen anhand von Postwachstumsgrundsätzen anders verstehen und anders—idealerweise besser—befriedigen könnte.

Denn, dieser Frust kommt nicht von nirgendwo. Selbst in reichen Industrienationen gibt es Missstände. Extreme Ungleichheit zum Beispiel. Die Tatsache, dass 10 Prozent der Deutschen 61 Prozent des Gesamtvermögens gehört, während 30 Prozent entweder null Vermögen haben oder gar verschuldet sind. Die Tatsache, dass günstiger Wohnraum knapp ist.

In meiner eigenen Forschung beschäftige ich mich mit den Wünschen und Sehnsüchten der Mittelklassen reicher Länder. Woran fehlt es diesen Mittelklassen? Warum sind auch sie manchmal gefrustet—selbst wenn sie materiell oft mehr als genug haben?

Woran es ihnen fehlt ist: Freie Zeit, Schlaf, Momente der Konzentration, das Gefühl, im eigenen Beruf etwas Nützliches zu schaffen. Zukunftssicherheit. Bezug zur Umwelt. Gemeinschaft. Das, was Hartmut Rosa „Resonanz“ nennt. Das sind nur einige Beispiele, und viele dieser Wünsche ließen sich prima mit einem Postwachstumsprojekt vereinen.

Zurzeit jedoch gilt Postwachstum als Alptraum der Mittelklassen reicher Länder, denn es sind sie, die unter Postwachstumsgrundsätzen ihren Konsum herunterschrauben müssten; ihre Interessen hintenanstellen sollen.

Und, das gilt natürlich nicht nur für die Mittelklassen, sondern für alle sozialen Gruppierungen, die beim Postwachstum an Bord sein sollen.

Stuart Hall nennt eine solche Vorgehensweise „politics as a production“. Was dabei mitschwingt ist, dass gegenhegemoniale Politik schwere Arbeit ist. Ich bin dankbar, dass Matthias Schmelzer sich einer solchen Arbeit verschrieben hat, und hoffe, dass wir so Postwachstumspolitik weiter vorantreiben können.